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Konzentration, Disziplin und richtig viel Spaß: Unterwegs mit einer OP-Schwester

Hochkonzentriert und das OP-Gebiet stets im Blick: Schwester Ilona

Der 14. November ist Tag der OP-Schwester. Viele von uns kennen sie nur aus dem Fernsehen, denn selbst wer schon einmal operiert wurde, hat ihren Einsatz vermutlich verschlafen. So bleibt in vielen Köpfen das Klischee der Schweiß abtupfenden Assistentin, die dem Chirurgen hellseherisch das richtige Skalpell reicht, noch bevor er einen Ton sagt. Was an dem Klischee dran ist und wie der wahre Alltag einer Fachpflegekraft für den OP-Dienst aussieht, wollten wir von Ilona Kuhlwein von Rathenow, OP-Schwester am Caritas-Krankenhaus St. Josef, wissen.

„Mir stellen sich die Haare auf, wenn ich sehe, wie OP-Schwestern im Fernsehen dargestellt werden. Die sind mal im OP, mal auf Station und danach wieder in der Notaufnahme. Von der Realität ist das weit entfernt. Und Hellseherinnen sind wir auch nicht“, stellt sie klar. Schwester Ilona ist nicht besonders groß und zudem zart gebaut. Doch wer ihr zum ersten Mal begegnet, merkt sofort: die Frau hat Power! Ihre Schritte sind schnell, ihre Stimme ist fest und ihr Blick ist wach. Warum sie damit die ideale Fachkrankenschwester für den Operationsdienst ist, wird mir klar, als ich sie für ein paar Stunden im OP begleiten darf.
„Für mich übt der OP noch immer eine Faszination aus. Mit dem Einschleusen, wenn ich meine Alltagskleidung gegen Bereichskleidung tausche, betrete ich eine ganz andere Welt“, erklärt Schwester Ilona.“ Es ist nicht nur eine ganz besondere Welt, sondern eine Welt, in der sie seit fast vierzig Jahren zu Hause ist – seit knapp zwanzig am Caritas-Krankenhaus St. Josef. 

Dienstantritt ist heute um 7.30 Uhr, los geht´s mit der Morgenbesprechung. Dort erfahren Ilona und ihre Kolleginnen – tatsächlich gibt es nur einen männlichen OP-Pfleger – in welchem Saal sie tätig sind, welche Eingriffe anstehen und, welche Besonderheiten es zu beachten gibt.
Danach geht es in Teams in den Saal. Die Schwestern sind meistens zu zweit – eine instrumentiert, eine „springt“. Die Springerin stellt vor und während der OP zusätzliche Geräte bereit, reicht weitere benötigte Instrumente an und nimmt Untersuchungsmaterialien entgegen.

Heute übernimmt Schwester Ilona den Springerdienst. Schwester Kerstin – groß, schlank, wache Augen hinter einer schmalen Brille – wird am Tisch stehen und instrumentieren. Die beiden sind ein eingespieltes Team: ohne viele Worte bereiten sie den OP-Saal vor. Sie platzieren die nötigen Geräte, überprüfen, dass alles einwandfrei funktioniert und ergänzen bei Bedarf die Instrumentarien, die die Teamassistentinnen am Tag zuvor schon vorbereitet haben.

Die Sicherheit des Patienten im Fokus 

Danach geht es für Schwester Ilona an den PC: dort dokumentiert sie unter anderem, die für die Operation relevanten Zeiten, OP-Team, Anästhesie-Team, und prüft die Daten des Patienten. „Die Dokumentation ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, auch wenn es aufwändig ist, trägt sie zur Patientensicherheit bei. Als ich angefangen habe, wurde das fast gar nicht gemacht“, erklärt die 63-Jährige.

Währenddessen geht sich Schwester Kerstin „waschen“, gemeint ist damit eine chirurgische Händedesinfektion über drei Minuten. Die ist für eine Instrumentierende Pflicht. Sie muss steril sein und bleiben. Daher zieht sich Schwester Kerstin den OP-Mantel und Handschuhe auch nicht einfach so an – Schwester Ilona hält ihr die Kleidungsstücke hin, Kerstin schlüpft hinein, ohne die Außenseiten zu berühren. Ähnlich geht es mit den OP-Instrumenten weiter. Für einen Laien ist es faszinierend mitanzusehen, wie Schwester Ilona ihrer Kollegin Instrumente und OP-Material öffnet, dabei nie den sterilen Inhalt berührt und wie Kerstin immer nur so zugreift, dass sie nur die sterilen Artikel, nie aber ihre unsterile Verpackung berührt. Auch hierfür bedarf es keiner großen Worte, die Arbeitsschritte sind fließend.

Jedes einzelne Material, dass sie aus den Containern entnehmen, wird geprüft, gezählt und dokumentiert. Ein Container kann dabei bis zu 100 Einzelteile enthalten. Gezählt wird vor und nach der OP – die Schwestern sind dafür verantwortlich, dass alles am Ende wieder auf Ihrem Tisch landet, nicht irgendwo vergessen wird. Zudem sind sie dafür verantwortlich, dass alles rund um den Patienten steril ist. „Deshalb braucht es für unseren Beruf auch Durchsetzungskraft“, erklärt mir Ilona. Denn wenn nur der kleinste Zweifel herrsche, ein Handschuh beispielsweise könne unsteril sein, müsse gehandelt werden, ohne Diskussion. „Ein bisschen unsteril gibt es nicht. Deshalb wird der Handschuh dann ausgezogen. Punkt.“ Man glaubt der erfahrenen Fachkraft sofort, dass nach ihren Ansagen nicht mehr diskutiert wird. „Ich glaube, manchmal finden mich junge Schwestern oder OTAs vielleicht ein bisschen ruppig“, überlegt sie. „Aber mit der Zeit wissen sie, warum es bei mir immer kurze, knappe und klare Ansagen gibt: im OP ist keine Zeit für Diskussionen.“

Nach und nach füllt sich der Tisch von Schwester Kerstin. Die Vorbereitungen der OP-Schwestern für ihren Bereich sind abgeschlossen, der Patient wird in den Saal geschoben. Danach wird der Patient „gewaschen“: Schwester Ilona desinfiziert mit einem Desinfektionsmittel das OP-Gebiet. Als ich denke, sie ist fertig, beginnt sie von neuem. Ich frage vorsichtig nach: „Wann wissen Sie denn, dass Sie fertig sind?“ Schwester Ilona schaut mich an und schmunzelt – genau wie der Rest des Teams: „Das OP-Gebiet wird drei Mal desinfiziert. Das ist alles genau festgelegt“, erklärt sie mir. Als OP-Schwester hat sie fast 100 Eingriffe im Kopf, die nötigen Instrumente und Standards dazu ebenso wie die Arbeitsschritte. „Ich habe das Operationsgebiet immer im Blick und denke die Schritte voraus. Nur so – und wenn man die Vorlieben der Chirurginnen und Chirurgen kennt – kann man schnell auf die Anforderungen reagieren.“

Ruhe kehrt ein

Wenige Minuten später beginnt die Operation. Wo vorher laute, eilige Betriebsamkeit herrschte, kehrt nun Ruhe ein. Der Monitor piepst leise, es wird wenig gesprochen, die Stimmen sind gedämpft. „Schere, Pinzette bitte“. Wir brauchen nochmal einen Tupfer.“ Mit Faszination beobachte ich, wie konzentriert das gesamte Team arbeitet, wie die Zahnräder ineinandergreifen, wie selbstverständlich ein Schritt in den nächsten übergeht. Wie Schwester Kerstin Instrumente anreicht, abnimmt, ablegt und dabei schon das nächste anreicht. Wie sie ihren Tisch immer in Ordnung hält. „Das ist wichtig, man muss immer wissen, was wo auf dem Tisch liegt. Meiner sieht seit 40 Jahren gleich aus“, berichtet mir Ilona. Ich frage sie, ob sie jetzt selbst gern am Tisch stünde. „Heute haben wir noch eine Leberresektion, das fände ich schon spannend“, gibt sie zu, ergänzt jedoch schnell: „Ich möchte auch nicht den ganzen Tag am Tisch stehen, die Abwechslung macht richtig viel Spaß!“

Szenenwechsel: einen Tag später bin ich wieder im OP. Dieses Mal steht Ilona selbst am Tisch. Sie nickt mir kurz zu als sie mich kommen sieht, ruft mir ein paar nette Worte entgegen, dann versinkt sie wieder in ihre Arbeit. Der Blick ist meist auf das OP-Gebiet gerichtet, ab und an geht er zum Tisch. Wie bei ihrer Kollegin am Tag zuvor sitzt jeder Griff perfekt. Sie ist hochkonzentriert und ich spüre: hier ist jemand ganz in seinem Element, geht ganz in seiner Arbeit auf.

Die OP verläuft nach Plan –vor dem Wundverschluss beginnt, genauso wie vor der Operation, die Zählkontrolle von Kompressen, Tupfern, Bauchtüchern, Nadeln und Instrumenten mit dem 4-Augen Prinzip.  Nachdem die Wunde vernäht wurde, und der Verband angelegt ist, entfernen die Schwestern die sterilen Tücher von der Patientin und lagern sie gemeinsam mit dem Anästhesieteam um. Die Patientin wird aus dem Saal gefahren erneut wird alles akribisch genau dokumentiert. „Sorgfalt ist eine der Eigenschaften, die eine OP-Schwester oder operationstechnische Assistentin, wie der aktuelle Ausbildungsgang heißt, mitbringen sollte. Ebenso Teamfähigkeit, Disziplin und Konzentration“, sagt Schwester Ilona.

Im Saal rückt gerade das Reinigungsteam an, um den Saal zu säubern und für den nächsten Patienten vorzubereiten. Jetzt wird es auch für mich Zeit, zu gehen. Ich stelle fest, den Chirurgen den Schweiß abzutupfen gehört definitiv nicht zu den Hauptaufgaben einer Fachpflegekraft für den Operationsdienst. Auch sind sie keine Hellseherinnen. Sie besitzen dafür aber jede Menge Fachwissen, Disziplin und Konzentration.

 

 

Fachkrankenschwester/-pfleger oder OTA?

Der Weg in den OP führt über zwei unterschiedliche Ausbildungswege. Ilona als Fachkrankenschwester musste nach ihrer dreijährigen Ausbildung als Krankenschwester zwei Jahre im Beruf arbeiten und danach noch eine zweijährige Fachweiterbildung zur Fachkrankenschwester, bzw. Pfleger im  Operationsdienst absolvieren.

Die sogenannten OTAs (Operationstechnische Assistentinnen) werden in einer dreijährigen Ausbildung von Beginn an speziell auf ihre Tätigkeit im OP vorbereitet.

Egal ob OP-Schwester oder OTA, beide übernehmen im OP die gleichen Tätigkeiten. Wer jetzt Lust auf den Beruf bekommen hat: das Caritas-Krankenhaus St. Josef bildet jedes Jahr OTAs aus.

 

 

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